Mittwoch, 7. Juli 2010

Die Mär vom Gorx


Sicher kennt hierzulande jeder die Geschichte von Pinocchio, dem lebenslustigen Holzpüppchen, das eine lange Nase bekommt, wenn es flunkert. Mitbürger aus den sogenannten neuen Bundesländern – ein Terminus von eben solcher Langlebigkeit wie der vom 'neuen' Sänger von AC/DC, der nun mittlerweile auch schon 30 Jahre im Geschäft ist, aber nie diesen Status ablegen konnte – kennen ergänzend diese Figur auch als Buratino (manchmal auch Burattino), da seinerzeit jede zweite Kita der DDR nach dieser Figur aus kampfbrüderischer Hand benannt wurde, wenn Namen wie 'Kindertagesstätte 23.Februar' bereits vergeben waren.

Kaum aber jemand kennt hingegen die deutsche Entsprechung des 'Zäpfel Kern', warum weiß ich nicht. Umstritten sind auch die Ursprünge solch volkstümlicher Geschichten, die sehr oft ihre Herkunft aus alten Überlieferungen beziehen. Geht es in oben beschriebenen Zusammenhängen immer um ein zum Leben erwecktes Werkstück aus Holz, gibt es regional unterschiedlich auch Geschichten von merkwürdigen Begebenheiten um lebendige Speisen oder Gemüse. Sind es in nördlichen und Küstenregionen eher Fischartige wie in der friesischen 'Moritat vom gar gräuselichen Heilbutte', findet man in eher zentral gelegenen Regionen auch verschiedene Überlieferungen von dämonischen Zuckerrüben, denen besonders in katholisch dominierten Enklaven wie Paderborn oder Osnabrück Personalunion mit dem Antichristen aus der Offenbarung bescheinigt werden. Diese Fische oder Rüben haben alle Eines gemeinsam, sie lügen, daß sich die Balken biegen und das aus verschiedenen Gründen.


Eine solche Figur gibt es auch in der Region um den Odenwald, den sogenannten 'Gorx'. Was genau dieser Gorx nun ist und was er bezweckt, ist nirgendwo genau beschrieben, überhaupt sind schriftliche Überlieferungen rar, und diese beschränken sich auf Faksimiles handschriftlicher Exemplare verfasst in lokaler Mundart. Für außenstehende Leser sind diese Dialekte, die sich eher für parodistische Zwecke denn zu kommunikativen eignen, eine Herausforderung.

Der Gorx selbst gibt sich nur schwachen und gierigen Charakteren zu erkennen, angeblich in Form einer sprechenden Kartoffel. Wird einem geeigneten Opfer eine Schale mit gegarten Erdäpfeln gereicht, wird dieses aus Eigennutz sofort zur auffällig Größten langen – und schon hängt es am Haken. Das niederträchtige Gemüse verspricht nun dem übrigens immer männlichen Opfer (sicher eine Folge der tradierten patriarchalischen Gesellschaftsform), diesem zu Ruhm und Ehre zu verhelfen, wonach dieses aufgrund seiner unbedeutenden Persönlichkeit natürlich giert. Sobald beginnt das Opfer, im täglichen Leben zu lügen und sich dadurch Vorteile zu verschaffen, steigt vordergründig auf in seiner Gemeinschaft, ohne auch nur über das geringste Talent zu verfügen. Wie ein Fluch wird das Opfer, das mittlerweile zum rücksichtslosen Täter mutiert ist, dazu verdammt, in jeder Situation zu lügen und sich dadurch immer mehr ins soziale Abseits zu stellen und letztendlich wurden besagte 'Vergorxte' mit Knüppeln aus den Dörfern gejagt, im Zeitalter aufkommender Industrialisierung angeblich nicht ohne vorher geteert und gefedert worden zu sein.

Historiker zweifeln hingegen an, daß diese wohl 400 – 500 Jahre alte Mär auf einer Kartoffel basieren kann, wurde diese doch erst im Zeitalter des großen Preußenkönigs als 'Kartuffel' einer weiteren Verbreitung zugeführt. Man nimmt an, daß eine Transformation stattgefunden hat in einer Zeit der Anfänge der Kartoffel im Odenwald, als diese noch 'das Lügenkraut' genannt wurde. Die traditionelle Unfähigkeit des damaligen Odenwälders zum genauen Zuhören und Verstehen hatte vielfach dazu geführt, daß Teile der Bevölkerung den oberirdischen Teil des Gewächses verzehrt hatten und sich dadurch ums Leben brachten und sich demzufolge die Meinung durchsetzte, dieser Segen der modernen Ernährung sei Teufelswerk.


Glaubhafte Quellen verweisen hingegen darauf, daß es sich ursprünglich einmal um einen verlogenen Kohlrabi gehandelt haben muss, nur spricht dem entgegen, daß dem Kohlrabi nie die Wertigkeit in der Ernährung zugestanden wurde, die er vielleicht verdient hätte. Wahrscheinlicher ist da die Theorie, daß es sich um eine Art Knödel aus Getreideprodukten gehandelt haben muss. Diese Theorie beinhaltet aber die Erklärung einer möglichen Verfluchung des Opfers durch die Person, die den Knödel angefertigt hatte, wohingegen die Erklärungen auf Kohlrabi- oder Kartoffelbasis von einer unerklärlichen, metaphysisch verursachten Verfluchung ausgehen. Vieles ist natürlich in volkstümlichem Aberglauben begründet, dem die christliche Kirche flächendeckend den eigenen entgegengesetzt hat.


Heutzutage ist der Gorx in der jüngeren Generation vergessen, jedoch verweisen ältere Semester immer noch gern auf die tatsächliche Existenz solcher Menschen, die dem Verführer anheimfallen, und wer ignoriert schon vorsätzlich die Weisheit älterer Leute, wenn diese Weisheit nicht mit Altersstarrsinn verwechselt wird? In wieweit die Behauptung zu verifizieren ist, größere Ortschaften im geographischen Zentrum dieser unklar überlieferten Begebenheiten seien doch nachvollziehbar nach diesem Phänomen benannt, erscheint zur Zeit noch unklar.
Ansonsten ist nur noch überliefert, daß Auswanderer aus dem Odenwald, die sich im heutigen Bundesstaate Iowa niederliessen, wohl erfolglos mittels dieser Mär versucht haben sollen, die Verbreitung der Kartoffel zu verhindern. Ein österreichischer Künstler namens Gorx, der sich ein wenig für den Andy Warhol der Alpenrepublik hält, hat seinen Namen wohl nicht aus dieser Quelle entlehnt.


Vielen Dank auch hier noch einmal an die vielen fleissigen Wikipedia-Autoren, ohne deren Unterstützung diese Betrachtung unmöglich gewesen wäre.

3 Kommentare:

Lotte´s Coach hat gesagt…

Gehörte ich bis dato zu den Verfechtern der Kartoffeltheorie, so habe ich nach dem Studium dieser anregenden Betrachtung erneut recherchiert und würde unter Berücksichtigung aller Aspekte nun eher zum gefertigten Klops aus Getreideprodukten tendieren.

Klar für die Kartoffel spricht einerseits die bis heute überlieferte und weit über die Grenzen der Ursprungsregion bekannte Redensart "Kartoffeln gehören in den Keller - nicht auf den Teller!" als Ausdruck der Angst vor den Fluchfolgen.
Ob und inwiefern dies historisch zu überprüfen wäre, vermag ich nicht zu sagen, jedoch sehe ich die Möglichkeit, dass die Kartoffel ihre Verbreitung und ihren Aufschwung zu Zeiten des Preußenkönigs endgültig durch die Erfindung neuer Zubereitungsformen erlangte, wie es in der Literatur nachzulesen ist.
So schreibt z.B. H. Ehrhardt:
"Vom alten Fritz, dem Preußenkönig,
weiß man zwar viel, doch viel zu wenig.
So ist zum Beispiel nicht bekannt, dass er die Bratkartoffeln erfand.
Drum heißen sie - das ist kein Witz - Pommes Fritz."

Schürft man jedoch weiter, so zeigen sich sich bei anderen Autoren klare Argumente gegen die Kartoffeltheorie.
So schreibt C. Nöstlinger 1977 in ihrem Werk "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", welches den - vornehmlich jungen - Leser dazu anhalten soll, zu überdenken, welches Handeln richtig und falsch und was glaubhaft und unglaubhaft ist, von einer despotischen Kürbisgurke, die aus dem unteren Keller von ihren Kartoffeluntertanen vertrieben wird.

Ein möglicher Hinweis auch auf ein Aufbegehren der Kartoffel gegen den Gorx, der in diesem Buch in kindgerechter Sprache den Namen "Kumi-Ori" trägt und das Aussehen einer Riesengurke hat, sich jedoch anfühlen soll wie Hefeteig...

Ob Getreidebasis, Kartoffel oder Kohlrabi wird sich wohl erst endgültg klären lassen, wenn es gelingen sollte, irgendwann eines der Fluchopfer vor dem Teeren und Federn nach seinen Ernährungsgewohnheiten zu befragen...

Anonym hat gesagt…

Ich bin Profressor an der an anthropophilatelischen Fakultät in München und möchte mich hier auch einmal zu Worte melden. Die hier geposteten Kommentare entbehren jeder wissenschaftlicher Grundlage.

GORX (lat. Gorgiäs, Gorgö, Gorgonis, selten Gorgüs f, meist. PL Gorgones, num drei Töchter des Phorks, schlangenhaarige, geflügelte Schreckgestalten, deren Blick in Stein verwandelte, der schrecklichsten, der allein sterblichen Medusa [od. nur Gorgo] schlug Perseus m. Athenes Hilfe das Haupt ab, aus ihren Blut entsprang das Flügelross Pegasus; das abgeschlagene Medusenhaupt trug Athene auf ihrem Schild od. Panzer [nicht Paul Panzer], daher Gorgometon, Medusenhaupt.

Diese Theorie ist ad absurdum zu führen, da Medusa eine Allergie gegen Solanum tuberosum hatte.

Meine Studien ergaben, dass auch der ruschisse Philosoph Maxim Gorxi mär oder weniger mit der Sage um Gorx, auch wenn in Moskau einen Gorxi Park gibt und die dortige Parkbank die Wirren der Wirtschaftskrise nicht überstand, denn weil, nein man könnte aus, gerade aus diesem Grunde: Ich nun zum Ende.

Pegasus war kein Fluchopfer, hatte zwar ferdern, aber das mit dem Teer...

Weiter muss man in Augenschein nehmen, dass Solanum tuberosum als terrestria assa mit zu viel oleum zu heftigen exorbitanten Leibschmerzen führen kann.

Die Samen der Solanum tuberosum werden in tomatenähnlichen Beeren gebildet, welche – wie alle grünen Teile der Pflanze – für Menschen ungenießbar bis leicht giftig sind.

In der Studie meines geschätzten Kollegen Dr. Dr Hickory Holz "Beeren beißen Bären nicht, Bären Beeren schon" wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das sog. Beißen im Corpus des Verzehrenden nicht auf ein Fluch o. ä. zurück zu führen ist, sondern auf den temporär vorher vorangegangenen Verzehr von grünen Betstandteilen von Solanum tuberosum, Daran verzagt latürnich der Verzehrende.

Auch die Mär "Tischlein deck dich, Esel streck, Kartoffel aus dem Sack" hat mit Joghurt überhaupt nichts zu tun.

Um zu Lotte's Coach Argument:"Schürft man jedoch weiter, so zeigen sich sich bei anderen Autoren klare Argumente gegen die Kartoffeltheorie." klar zu argumentieren, argumentiere ich jetzt hier hier, dass man Gold schürft und pomorum terrestrium puls schlürft.

Somit hat die Kartoffeltheorie ausgedient; es lebe die Karotte. Man sollte sich doch lieber den Cerealien zuwenden, als dem Fritz (* 24. Januar 1712 im Berliner Stadtschloss; † 17. August 1786 in Potsdam) mit der Sauce (Mayonnaise) vom französischen Herzog von Richelieu (* 13. März 1696 in Paris; † 8. August 1788 in Paris) zu benetzen.

domovoj hat gesagt…

Es ist darauf zu verweisen, daß der Terminus 'Gorx' etymologisch keinerlei Zusammenhang zu den Gorgonen hat, ein auch heute noch weit verbreiteter Irrglaube, der bereits 1899 durch Professor Gotthold Nilfisk (1873-1984) von der Universität Königsberg widerlegt wurde, der sich dieser Fehlinterpretation ausgiebig in seinem Werke 'Der eingestielte Taugenichts – Glaube und Aberglaube südlich des Mains', 1.-3. Auflage, Tilsit 1900 und 1901, Seite 324 ff., widmete.

Auch neueren Ideen, es bestünde ein ursächlicher Zusammenhang zum Begriff des 'Godzilla' aus der ostasiatischen Filmwelt des 20. Jahrhunderts, muß eine klare Absage erteilt werden. Zunächst einmal ist der Begriff 'Godzilla' der europäisiert bereinigte Name des japanischen 'Gojira', ebenso ist hinlänglich bewiesen, daß der Gojira an sich eine Analogie aus der japanischen Nachkriegszeit repräsentiert und die durch atomare Hinterlassenschaften implizierte Aggressivität des Protagonisten ein Symbol für die Bedrohung der japanischen Kultur durch den amerikanischen Imperialismus darstellt und keineswegs etwas mit einer Kartoffel aus dem Odenwald gemein hat, zumal kein indoeuropäischer Ursprung nachweisbar ist (Nilfisk, a.a.O. Seite 352).

Aus rechtlichen Gründen muß sich der Autor des Blogs von den hier erschienenen Kommentaren distanzieren, um nicht in Gefahr zu geraten, von drittklassigen Advokaten wegen 'Verunglimpfung eines lokalen Fabelwesens' belangt zu werden, denn der Vorrat an diesen ist so groß wie der an Kartoffeln.