Freitag, 23. Juli 2010

Nur noch Trash aus Kaisersesch?



Es ist nur ein paar Tage her, da sah ich irgendwo im TV den durchaus populären Modekonstrukteur Karl Lagerfeld, dem im Rahmen eines Interviews die Frage gestellt wurde, was denn das Besondere sei an seiner neuen Muse 'Baptiste'. Nicht, daß mich die Antwort inhaltlich besonders interessiert hätte, denn ich bin ein phantasiebegabter Beobachter, jedoch überraschte der Meister der fuffigen Attitüde mit seiner Antwort. 'Es ist die vollkommene Abwesenheit jeglicher Vulgarität' sagte dieser und hinterliess mich beeindruckt.

Ebenso beeindruckt war ich, wenn auch auf einem anderen Umgangslevel, dieser Tage von den Beiträgen eines Users in einem freiheitlichen Forum, welcher die Präsenz vollkommener Vulgarität unter Abwesenheit jeglichen Benehmens geradezu zelebrierte. Dieser User, der sich dort unter dem Pseudonym 'futuere' offenbar anonym wähnte, setzte sicher Maßstäbe, doch denke ich, daß der wohl kaum in die engere Wahl kommt, wenn Karl Lagerfeld mal wieder eine neue Muse bräuchte......

Just als ich so darüber sinnierte, wie verschieden doch die Ansprüche der Leute so sind, sprang am PC wie von Geisterhand die Registerkarte des Browsers um und die Zuchtrichterordnung des VDH erschien mir. Eigentlich hatte ich diese nur offen, da ich mich zur Zeit in Proben befinde, diese Ordnung im Rahmen einer Eurythmieprüfung vor Waldorfpädagogen zu tanzen, aber irgendwie stach mir der § 3 ins Auge, der da in Auszügen lautet:

Talent, Kompetenz und persönliche Integrität sind die tragenden Säulen des Zuchtrichteramtes und bilden damit die zentralen Anforderungen an seine Inhaber wie an seine Bewerber. Die jederzeitige und uneingeschränkte Erfüllung dieser Anforderung ist unverzichtbar.....Zuchtrichter haben zu beachten, daß sie gegenüber den Ausstellern und der Öffentlichkeit den Rassehundezuchtverein, den VDH und die FCI repräsentieren.

Nun, dachte ich mir so, wenn ich der VDH wäre, würde ich vielleicht Baptiste engagieren, 'futuere' würde ich schon aber nicht nur wegen des mehr als anzüglichen Namens von diesem Amt fernhalten.

In diesem Sinne - keep reaching for that rainbow

Donnerstag, 15. Juli 2010

Der Kynologe auf der Erbse

Immer wenn der kleine Hund, der keine Papiere bekommt, so durch seine noch kleinere Welt wandelt, fragt er sich immer wieder, was denn der böse Mann gegen ihn hätte, der ihm seine Papiere einfach nicht geben will. Ohne diese Papiere kann doch der kleine Hund nicht an all den tollen Sachen teilnehmen, an denen seine Altersgenossen so viel Spaß haben.

Der böse Mann, den alle den großen Kynologen mit dem messerscharfen Verstand nennen, wird schon wissen, warum er das tut, denkt sich der kleine Hund immer wieder, sicher wolle er nicht, daß der kleine Hund mit den anderen kleinen Hunden des großen Kynologen zusammen gesehen wird. Denn der große Kynologe fährt ganz viel durch die Welt, immer in Begleitung eines kleinen Kynologen. Der große und der kleine Kynologe zeigen ganz oft ihre kleinen Hunde vor anderen Menschen, damit die anderen Menschen immer sagen müssen, wie toll denn die kleinen Hunde des großen und des kleinen Kynologen sind. Die anderen Menschen müssen das machen, denn sonst wird der kleine Kynologe ganz böse und der große Kynologe weint bitterlich und ist beleidigt.

Und wenn der große Kynologe beleidigt ist, dann darf ihm nicht einmal der kleine Kynologe unter die Augen treten und geht lieber ein paar Sätze Bankdrücken. Viele Leute sagen ja, der große Kynologe sei einfach zu empfindlich und gegen ihn sei die Prinzessin auf der Erbse ein Ledernacken. Manchmal sagt das jemand zu laut, so daß es der große Kynologe hört, und dann ruft der große Kynologe immer gleich die jurisprudierende Landsknechtin zu sich, damit die viele Briefe schreibt an alle Menschen, die den großen Kynologen beleidigt haben sollen und ihnen mitteilt, daß dieser das als Anlass nehme, fürderhin nur noch willkürlich zu handeln wie es ihm gefällt, denn er ist ja der große Kynologe und wolle alle loswerden, die ihn beleidigen.

Eine Frau soll ihn auch mal beleidigt haben, und irgendwie ist das der Grund, weshalb der kleine Hund nun keine Papiere hat, obwohl er nichts dafür kann. Der kleine Hund ist darüber so traurig, daß er schon nach Auswegen gesucht hat, endlich Papiere zu bekommen. Jemand hat dem kleinen Hund erzählt, er solle doch einfach sagen, er sei in einem anderen Land geboren, das ganz weit weg liegen würde, am anderen Ende der Welt und schon würde er Papiere bekommen, die sogar der große Kynologe gut finden müsste. Der kleine Hund wollte so etwas aber nicht, denn er weiß nichts über andere Länder, obwohl er es ganz faszinierend finden würde, zu sagen, er komme eigentlich aus Brasilien oder gar von der Vega.

Hoffen wir für den kleinen Hund, daß er bald seine richtigen Papiere bekommt.




Mittwoch, 7. Juli 2010

Die Mär vom Gorx


Sicher kennt hierzulande jeder die Geschichte von Pinocchio, dem lebenslustigen Holzpüppchen, das eine lange Nase bekommt, wenn es flunkert. Mitbürger aus den sogenannten neuen Bundesländern – ein Terminus von eben solcher Langlebigkeit wie der vom 'neuen' Sänger von AC/DC, der nun mittlerweile auch schon 30 Jahre im Geschäft ist, aber nie diesen Status ablegen konnte – kennen ergänzend diese Figur auch als Buratino (manchmal auch Burattino), da seinerzeit jede zweite Kita der DDR nach dieser Figur aus kampfbrüderischer Hand benannt wurde, wenn Namen wie 'Kindertagesstätte 23.Februar' bereits vergeben waren.

Kaum aber jemand kennt hingegen die deutsche Entsprechung des 'Zäpfel Kern', warum weiß ich nicht. Umstritten sind auch die Ursprünge solch volkstümlicher Geschichten, die sehr oft ihre Herkunft aus alten Überlieferungen beziehen. Geht es in oben beschriebenen Zusammenhängen immer um ein zum Leben erwecktes Werkstück aus Holz, gibt es regional unterschiedlich auch Geschichten von merkwürdigen Begebenheiten um lebendige Speisen oder Gemüse. Sind es in nördlichen und Küstenregionen eher Fischartige wie in der friesischen 'Moritat vom gar gräuselichen Heilbutte', findet man in eher zentral gelegenen Regionen auch verschiedene Überlieferungen von dämonischen Zuckerrüben, denen besonders in katholisch dominierten Enklaven wie Paderborn oder Osnabrück Personalunion mit dem Antichristen aus der Offenbarung bescheinigt werden. Diese Fische oder Rüben haben alle Eines gemeinsam, sie lügen, daß sich die Balken biegen und das aus verschiedenen Gründen.


Eine solche Figur gibt es auch in der Region um den Odenwald, den sogenannten 'Gorx'. Was genau dieser Gorx nun ist und was er bezweckt, ist nirgendwo genau beschrieben, überhaupt sind schriftliche Überlieferungen rar, und diese beschränken sich auf Faksimiles handschriftlicher Exemplare verfasst in lokaler Mundart. Für außenstehende Leser sind diese Dialekte, die sich eher für parodistische Zwecke denn zu kommunikativen eignen, eine Herausforderung.

Der Gorx selbst gibt sich nur schwachen und gierigen Charakteren zu erkennen, angeblich in Form einer sprechenden Kartoffel. Wird einem geeigneten Opfer eine Schale mit gegarten Erdäpfeln gereicht, wird dieses aus Eigennutz sofort zur auffällig Größten langen – und schon hängt es am Haken. Das niederträchtige Gemüse verspricht nun dem übrigens immer männlichen Opfer (sicher eine Folge der tradierten patriarchalischen Gesellschaftsform), diesem zu Ruhm und Ehre zu verhelfen, wonach dieses aufgrund seiner unbedeutenden Persönlichkeit natürlich giert. Sobald beginnt das Opfer, im täglichen Leben zu lügen und sich dadurch Vorteile zu verschaffen, steigt vordergründig auf in seiner Gemeinschaft, ohne auch nur über das geringste Talent zu verfügen. Wie ein Fluch wird das Opfer, das mittlerweile zum rücksichtslosen Täter mutiert ist, dazu verdammt, in jeder Situation zu lügen und sich dadurch immer mehr ins soziale Abseits zu stellen und letztendlich wurden besagte 'Vergorxte' mit Knüppeln aus den Dörfern gejagt, im Zeitalter aufkommender Industrialisierung angeblich nicht ohne vorher geteert und gefedert worden zu sein.

Historiker zweifeln hingegen an, daß diese wohl 400 – 500 Jahre alte Mär auf einer Kartoffel basieren kann, wurde diese doch erst im Zeitalter des großen Preußenkönigs als 'Kartuffel' einer weiteren Verbreitung zugeführt. Man nimmt an, daß eine Transformation stattgefunden hat in einer Zeit der Anfänge der Kartoffel im Odenwald, als diese noch 'das Lügenkraut' genannt wurde. Die traditionelle Unfähigkeit des damaligen Odenwälders zum genauen Zuhören und Verstehen hatte vielfach dazu geführt, daß Teile der Bevölkerung den oberirdischen Teil des Gewächses verzehrt hatten und sich dadurch ums Leben brachten und sich demzufolge die Meinung durchsetzte, dieser Segen der modernen Ernährung sei Teufelswerk.


Glaubhafte Quellen verweisen hingegen darauf, daß es sich ursprünglich einmal um einen verlogenen Kohlrabi gehandelt haben muss, nur spricht dem entgegen, daß dem Kohlrabi nie die Wertigkeit in der Ernährung zugestanden wurde, die er vielleicht verdient hätte. Wahrscheinlicher ist da die Theorie, daß es sich um eine Art Knödel aus Getreideprodukten gehandelt haben muss. Diese Theorie beinhaltet aber die Erklärung einer möglichen Verfluchung des Opfers durch die Person, die den Knödel angefertigt hatte, wohingegen die Erklärungen auf Kohlrabi- oder Kartoffelbasis von einer unerklärlichen, metaphysisch verursachten Verfluchung ausgehen. Vieles ist natürlich in volkstümlichem Aberglauben begründet, dem die christliche Kirche flächendeckend den eigenen entgegengesetzt hat.


Heutzutage ist der Gorx in der jüngeren Generation vergessen, jedoch verweisen ältere Semester immer noch gern auf die tatsächliche Existenz solcher Menschen, die dem Verführer anheimfallen, und wer ignoriert schon vorsätzlich die Weisheit älterer Leute, wenn diese Weisheit nicht mit Altersstarrsinn verwechselt wird? In wieweit die Behauptung zu verifizieren ist, größere Ortschaften im geographischen Zentrum dieser unklar überlieferten Begebenheiten seien doch nachvollziehbar nach diesem Phänomen benannt, erscheint zur Zeit noch unklar.
Ansonsten ist nur noch überliefert, daß Auswanderer aus dem Odenwald, die sich im heutigen Bundesstaate Iowa niederliessen, wohl erfolglos mittels dieser Mär versucht haben sollen, die Verbreitung der Kartoffel zu verhindern. Ein österreichischer Künstler namens Gorx, der sich ein wenig für den Andy Warhol der Alpenrepublik hält, hat seinen Namen wohl nicht aus dieser Quelle entlehnt.


Vielen Dank auch hier noch einmal an die vielen fleissigen Wikipedia-Autoren, ohne deren Unterstützung diese Betrachtung unmöglich gewesen wäre.