Montag, 31. Mai 2010

Von kalten Patienten und Einfaltspinseln

Oftmals werde ich gefragt, wann denn endlich ein zweiter Band mit Erzählungen auf den Markt käme, immerhin sind seit Erscheinen meines ersten Erzählbandes 'Der letzte Gang und andere Katastrophen' bereits sieben Jahre ins Land gegangen und die Leserschaft harre nach mehr. Meistens weiß ich dann immer nicht, was ich antworten soll, zumal es die Leser einem auch nie leicht machen. Ständig erwarten sie originelle Antworten, die auf sie als Person des besonderes Interesses zugeschnitten sind. Schlimmer als diese ewig wiederkehrenden Fragen nach einem zweiten Band sind diese Anfragen nach Verifikation eigener abstruser Interpretationen, die mir Leser schicken, häufig nebst Unterschreitung persönlicher Distanzen, als hätte man mit ihnen Schweine gehütet.

Einmal bekam ich eine derart liebevoll ausgearbeitete Interpretation auf soziologischer Basis meiner Erzählung 'Das Eigenheim', in welcher ein Mann, der seiner Frau an einem warmen Tage eine Wassermelone besorgen will, durch die Begegnung mit einem polnischen Passanten und einem farbigen Matrosen in eine persönliche Zwickmühle gerät, die ihresgleichen sucht. Nachdem ich dem Manne, der mich immerhin hochgradig höflich mit 'Verehrter Ernesto Honka' anschrieb, mitteilte, daß die Erzählung genauso viel Sinn enthalte wie das Lied 'Highway to Hell' nach Aussage des Gitarristen A. Young, nämlich überhaupt keinen, schrieb dieser lediglich zurück: 'Ich bin enttäuscht'. Das genau macht das Leben schwierig, die Leserschaft, man kann es ihr nicht Recht machen. Spielt man ihnen tatsächlich Inhalte dialektischer Qualität vor, werden sie immer zahlreicher in ihren Nachfragen, sagt man ihnen, man hätte den Kram nur geschrieben, um in die Künstlerkrankenkasse zu kommen, die einfach billiger ist, hassen sie einen aufrichtig und schleudern mit allerlei Beschimpfungen um sich.

Eigentlich schreibe ich nichts mehr, weil ich finde, daß die Realität die besseren Geschichten parat hält, vor allem in Bayern. Der tägliche Polizeibericht ist durch fiktive Adaptionen geschriebener Natur nicht zu überbieten. So hatte ich eine Geschichte aus dem Zollstocksammlermilieu schon fast komplett im Kopf. In dieser ging es schnell erzählt um einen Mord, dessen Anlass die Streitereien um einen einzigen Zollstock mit Werbeaufdruck einer Tischlerei waren, bei welchem allerdings die Telefonnummer einen Zahlendreher hatte. Hätte man nun diese Telefonnummer angerufen wäre man an Stelle der Tischlerei bei der örtlichen vietnamesischen Garküche gelandet. Von diesem Zollstock gab es wegen des Fehlers nur 25 Stück - weltweit, quasi die blaue Mauritius der Zollstöcke. Dazu gäbe es noch Beschreibungen des Umfeldes eines klassischen Sammlers. Man kennt ja diese Wohnungen - voller Zollstöcke, leerer Bierflaschen und schmutziger Wäsche, die Frau ist schon lange weg ('Du musst dich entscheiden, die Zollstöcke oder ich') und alles Geld geht für diese sinnlosen Meßwerkzeuge drauf - und auch die armen neurotischen Kerle. Jedenfalls erschlägt der Eine den Anderen, weil er die blaue Mauritius haben will. Das kommt natürlich raus, und die Anklage lautet 'Mord aus Habgier', es gibt auch einen Winkeladvokaten, der den Angeklagten heraushauen will, weil er bezweifelt, daß der Wunsch nach Besitz eines Zollstockes als Habgier nach StGB betrachtet werden könne.

Kurzum, der Täter wird zum Tode verurteilt, denn die Geschichte spielt in einem Land, in welchem es noch die Todesstrafe gibt. Während der Verurteilte dann auf einem Leiterwagen zum Schafott gefahren wird, gäbe es zeitgleich die Beschreibung, wie eine Entrümpelungsfirma die Wohnung des Opfers besenrein entleert und die ganzen Zollstöcke achtlos in einen Müllcontainer wirft und diese dann anzündet, denn niemand wollte den Plunder haben und alle potentiellen Erben hatten sich sowieso schon rechtzeitig distanziert. Sehr tragisch und ironisch das Ganze, wie ich finde. Ich wollte das wie ein Drehbuch für einen Film schreiben, in der Schlußszene hätte dann die blaue Mauritius im Feuer des Containers gelegen wie einst dieser blöde Schlitten bei Orson Welles - sehr dramatisch, aber ohne Sinn. Insgeheim hatte ich ja auf Verfilmung gehofft, denn schon einmal wollte sich jemand die Filmrechte sichern an der Titelgeschichte des oben beschriebenen Bandes. Den daraus resultierenden Film wollte er auf den Oberhausener Kurzfilmtagen zeigen. Daraus wurde aber nichts. Ich hörte nur, der Mann hätte stattdessen lieber einen Film gedreht über einen Wuppertaler Feuerwehrmann, den ich aber nie gesehen habe.

Das wäre aber alles nichts gegen die Realität, genauer gesagt den sogenannten 'Bestattermord' in der Oberpfalz, der den Interessierten einführt in die harten Bandagen rund um die kalten Patienten. Dort hatte ein Bestatter den eigenen Betrieb verkauft an einen Kollegen, für 73000 Euro, soweit ich mich erinnere. Nun bezahlte der Käufer, die spätere Übelkrähe, bar, und überzeugte den Verkäufer, das spätere Opfer davon, ihm das Geld doch noch ein paar Tage zu leihen, er bekäme als Rendite auch noch weitere 500.000 €. Das hielt der Verkäufer für eine gute Idee, erscheint ja auch absolut glaubwürdig.

Überraschenderweise blieb die Rückzahlung der 73.000 aus, ebenso der Bonus von 500.000. 'Pas de problem', said the liar to the fool, 'nur noch ein paar Tage, und es gibt sogar 100.000.000 US-$ und einen Mercedes der S-Klasse'. 'Nur noch etwas Geduld', hieß es. Der Verkäufer, der ja kein gutgläubiger Idiot war, wandte sich an einen Rechtsanwalt und sagte diesem, wenn er sich nicht wöchentlich bei ihm melde, stimme etwas nicht ganz, denn es ginge ja um 100 Millionen, und der Anwalt möge die Polizei rufen...oder so. So genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls hat der Anwalt irgendwann die Polizei gerufen, ob nun wegen ausbleibender Anrufe oder weil sein Mandant die Rechnung nicht beglichen hatte, weiß ich auch nicht mehr.

Was war geschehen? Nun, der Geprellte, der sich seiner Eigenschaft nicht hunderprozent bewusst war, hakte weiterhin nach, was denn mit seinem Geld wäre. Ihm wurde gesagt, er solle doch heute abend in die Bestatterbude kommen, dort würde er ausgezahlt. Dort angekommen wies man ihn an, mitzukommen in einen dunklen Nebenraum, denn so ein Batzen Geld liege nun mal nicht auf dem Wohnzimmertisch, was auch ganz einleuchtend klang, wie es scheint. Laut Behauptungen aufgrund von Indizien wartete dort aber nicht der Reichtum, sondern ein dritter Bestatter mit einem Kantholz, welches dieser dem ersten Bestatter über die Zwölf zog. Der gewaltsam aus dem Leben Geschiedene wurde angeblich umgehend unter falscher Identität der Kremierung zugeführt und seine Asche in einen Fluss gekippt, so die Überzeugung des Gerichts.

Diese stützte sich aber lediglich auf das Geständnis des Kantholz-Bestatters, der andere, der 100 Millionen Mann, behauptete steif und fest, das angebliche Opfer sei mit dem Erlös ab in die USA und aus steuerlichen Gründen abgetaucht und hätte ihm auch eine Ansichtskarte geschrieben. Dieser Argumentationsschiene folgte das Gericht wohl nicht. Wer weiß schon, was da wirklich geschah, aber hätte man so etwas aufgeschrieben für ein Drehbuch einer Folge Derrick oder so, hätten alle gesagt, so blöd ist doch kein Mensch und Derrick wird auch immer durchschaubarer. Deshalb schreibe ich nichts mehr!

Mitunter schreibt man auch die eine oder andere Hommage, was aber bisweilen übel genommen wird. Geplant war mal, die Geschichte eines Mannes aufzuschreiben, der die Idee hatte, Vorsitzender eines Hundezuchtvereines zu werden, einerseits zum Zwecke der Selbstverwirklichung, andererseits um sein Ansehen in der Geschäftswelt aufzupolieren und 'Connections' zu knüpfen. Dieser scheiterte dann jedoch an seinen nicht vorhandenen Talenten, geriet finanziell und privat unter Druck und musste einen Zweitjob bekleiden als 'Einfaltspinsel' auf Kindergeburtstagen. Seine schon traditionelle Erfolglosigkeit auch in diesem Genre liess sein Selbstwertgefühl in den Keller sinken, die Geschichte hätte sein Ende spekulativ offen gelassen, wie es sich gehört.



Da hätte sich die Leserschaft aber beschwert, das kann man glauben. Was es denn für eine Unverschämtheit sei, derart plakativ bei Woody Allen herumzuplagiieren, wenn einem nichts einfalle, solle man doch bitte auch nichts zu Papier bringen Was hätte man da entgegnet? Natürlich ist 'Broadway Danny Rose' ein großer Einfluss in meinem Schaffen, und was ihr ein Plagiat nennt, ist für mich eine alleneske (wie bei 'kafkaesk', wenn man das schreiben darf) Ehrerbietung.

Wenn das Publikum alles besser weiß, wozu um alles in der Welt sollte man sich da noch in Gefahr begeben und Werke veröffentlichen?