Freitag, 30. Oktober 2009

Vom Kohlrabi-Apostel und einer kreativen Imperatorin

Sicher würde der eine oder andere den Maler Karl Wilhelm Diefenbach als exzentrisch umreissen, wenn dieser heutzutage leben würde. Da der avantgardistische Pinselschwinger aber vor mehr als 100 Jahren sein Wesen trieb (kann man das so sagen, als positives Gegenteil zu Unwesen, analog zum Geziefer?), hießen ihn seine Zeitgenossen wohl eher verrückt. Immerhin war er wahrscheinlich der Erste, der in so etwas wie einer selbstgegründeten Kommune lebte, wurde Vegetarier und Asket, kleidete sich nur noch in sackartigem Drillich und lebte glaube ich recht gut damit, der Kohlrabi-Apostel genannt zu werden.

Ein anderer Freund des Kohlrabi würde auch gern in einer Kommune leben, oder vielmehr analog zum hominiden Vorbild inmitten eines Harems. Der Leser wird wissen, daß die Rede von Bernd ist, dem sogenannten Pavianloser aus dem Leipziger Zoo. Heute gab es ein Update im MDR, Bernd hat es inzwischen tatsächlich geschafft, sich einen eigenen Harem aufzubauen, der allerdings nur aus einer einzigen Dame besteht, aber es ist ein Anfang. Wieder einmal erzählte der Pfleger Indiskretes über ihn, seine verzögerte Entwicklung und daß er etwas tolpatschig sei (was visuell unterlegt wurde durch Bilder, wie Bernd gerade vor eine Baumwurzel lief), aber auch daß er ihn möge, da er ihn von Kleinauf kannte und betreute. Als es dann Essen gab, Kohlrabi und Blumenkohl, stopfte sich unser Protagonist wieder rasend schnell voll mit allem, bevor er von den anderen Herren wie am Murmeltiertag verjagt wurde. Ob es nun daran lag, daß Fernsehen da war oder ob das immer so ist, weiß ich nicht, jedenfalls implizierte seine panische Schlingerei einen postwendenden Würfelhusten.....liebenswert.

Ebenfalls im Fernsehen, daß ja wie schon erwähnt den Dummen dümmer und den Klugen klüger macht, sah ich einen Beitrag über die Imperatorin von Dänemark, Margrethe II. Diese hatte ihren kreativen Schüben nachgegeben und für die Ballettschule einer Freundin Kostüme entworfen, die Kinder während einer öffentlichen Aufführung tragen sollten. Ich empfinde es immer als besonders volksnah, wenn eigentlich unnahbare Blaublüter aus alten Gardinen und neongrüner Bastelpappe Kostüme entwerfen, auch wenn mir dann die Kinder Leid tun, die diese dann gezwungenermaßen vorführen müssen. Einfach zauberhaft, die Körpersprache und die Mimiken der Kinder zu lesen (auch ohne ein Samy Molcho zu sein), ein Kind wurde sogar vor der Kamera gezwungen (mittels einer auf sich aus dem Off gerichteten Schrotflinte) zu sagen, wie toll es die Verkleidung finden würde. Alles klatschte und würdigte den Einsatz der greisen Monarchin, sogar Kamerateams waren da und schossen Myriaden unnützer Bilder. Niemand erwähnte Dinge wie 'wenn sich bei uns die Kindergärtnerinnen zur Nikolausfeier so etwas ausgedacht hätten, hätte man die rausgeschmissen' oder so, nein, kein Wort der Kritik zu den traumatisierenden Untaten an den juvenilen Untertanen, nur einhellige Zustimmung. Ein Journalist fragte etwas schnippisch, ob denn die Imperatorin fürderhin abdanken und stattdessen kreativ wirken wolle, woraufhin Milady ruckartig zickig wurde und den Mann glaube ich zwanzig Jahre in die Salzminen verbannte und lebenslanges Aquavitverbot verhängte.

Diese Parallelen zum wirklichen Leben, sei es nun in der Analogie zur Tierwelt im Zoo oder zu den Makrokosmen der adeligen Welt im Spiegel der Realität, sind didaktisch wertvoll, und wer hinsieht und lernt, wird damit umgehen können.

Laugh now, cry later......

Dienstag, 27. Oktober 2009

Anathema

If people lie to you - be nice!

If people try to ignore you - be nice!

If people want to slur you behind your back - be nice!

I want you to be nice until it's time to not be nice!






The dancing's over. Now it gets dirty.





Dank für Inspiration an Patrick Swayze, TS Eliot und Hildegard von Bingen

Freitag, 23. Oktober 2009

Auf ewig 35 dank Toupet und Tabletten

Ich dachte gerade an eine Geschichte, die mir die Mutter einer Freundin mal vor vielen Jahren erzählte. Sie traf in der Westberliner U-Bahn den Frontmann der Formation 'Shakin' Lefty & the Taxmen', die allenfalls lokale Bekanntheit erlangt hatte mittels ihres Kneipen-Rockabilly. Besagter Lefty teilte ihr aufgeregt mit, die Band würde jetzt den letzten Anlauf nehmen, an das ganz große Geld zu kommen und man hätte sich innovativ umbenannt in 'Lefty & Taxmen'. Natürlich wußte die Zuhörerin, daß diese Bemühungen für die Katz waren und das Talent allenfalls für 14-tägliche Auftritte in der 'Eierschale' ausreichten. Just als sie Lefty ihre ehrliche Meinung als Freund und Mensch nahebringen wollte, zog dieser einen 45er Trommelrevolver und rief durch den ganzen Waggon, er würde sich mittels dieser Kurzwaffe ins Jenseits befördern, wenn seine Karriere nicht ruckartig ins Rollen käme. Deutlich irritiert nahm die Erzählerin sogleich Abstand von ihrem Vorhaben und stieg unter einem Vorwand vor ihrem eigentlichen Reiseziel aus, nachdem sie Lefty alles Gute gewünscht hatte......

Eine schöne Analogie zum Thema Realitätsverlust, wie ich finde. Auf der einen Seite der die Realität aus den Augen Verlierende, auf der anderen die Menschen in seiner Umgebung. Ich meine, niemand ist verpflichtet, auf den ihm Nahestehenden einzugehenden, wenn dieser z.B. mit der Realität und dem anhängigen Verlust umgehen kann.

Wenn z.B. Peter Maffay in der Zeitschrift 'Bravo' bekennt, er wäre gern ein wilder Rocker, so beschreibt das zwar einerseits die Realitätsferne, aber man hat auch nicht den Eindruck, der kleine Mann würde nachhaltig unter unerfüllten Träumen leiden. Auch bei temporären Realitätsabwesenheiten besteht kein Zwang zum Eingreifen. Auf einem Musherabend sahen einst mehrere Menschen einen Teilnehmer, der völlig abwesend der aufspielenden Coverband aus dem Sächsischen lauschte, die gerade eine Nummer des großen Achim Reichel intonierte, in welchem die afrikanische Insel Sansibar unter Zuhilfenahme von Klischees aus der christlichen Seefahrt assoziativ in die Südsee befördert wird. Der Mann war völlig textsicher und sang halblaut vor sich hin. Jemand sagte, er würde gerade seinen eigenen Film ablaufen lassen; und siehe da, danach war er wieder in dieser Welt und orderte mehr Bier. Kein Grund zur Sorge.

Anders verhält es sich, wenn Leute daran zugrunde gehen, wie gestern beschrieben in einem Rex Gildo Portrait im TV. Der Mann hatte schon früh jede Urteilskraft verloren, er glaubte unter anderem, seine zurechtgestutzte Indianerperücke und die falsche Bräune würden seinem Typ Internationalität verleihen und niemand würde bemerken, daß sein zur Schau gestelltes Interesse an der Weiblichkeit nur 'gespielt' war. Dazu gab es die üblichen Stellungnahmen semiprominenter Vollpfosten, die 'betroffen' zugaben, ihn nicht direkt vor dem Untergang bewahrt zu haben.....Der Tenor war in etwa 'hätten wir gewußt, daß der Rex nur noch unter Schnaps und Tabletten auf die Bühne konnte, hätten wir bestimmt was gesagt' und ähnliche Ausreden......als ob das keiner gesehen hätte, wenn das Pelztier schief auf dem Kopf saß, aber da wird natürlich selbstschützerisch abgestritten. Immerhin war wohl wenigstens das Testament ungültig, wie ich verstanden zu haben glaube, aber was hilft das, wenn Rex aus dem Fenster gemacht hat?



Es ist einfach Pflicht, bei Realitätsverlust einem nahestehender Personen unabhängig von den eigenen Prioritäten einzugreifen. Man muß klar sagen, daß dort kein Tapir in der Küche ein paar Schnittchen zubereiten würde, anstatt immer wieder die gute Pflege desselben durch den abgedrehten Mentor zu loben - das ist man diesem schuldig.

Der Kapitän der Titanic sagte auch immer, es gäbe hier keine Eisberge, und letztendlich mußte die Kapelle bis zum Ende spielend so tun, als verhalte es sich augenscheinlich wirklich so. 'Aber nein, so ein Unsinn, das kann man so nicht ins Verhältnis setzen', wird da womöglich ein Kapitän von Heute anmerken, der sich sprachlich in der Metaphorik bewegen möchte, 'natürlich achten wir auf Eisberge, wir schauen sogar in voller Kompetenz ganz genau hin, ob da was aus dem Wasser ragt, und seien es nur die 10%, die man sieht, also könne die Kapelle ruhig weiter Musik machen'.......





Positive Vibrations

An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei zwei Mitstreiterinnen bedanken, die die in Deutschland in Vergessenheit geratene Tradition des dual-purpose Siberians zurück ins Leben gerufen haben.

Beide haben es geschafft, mit ihren Hunden alle notwendigen Anwartschaften zu erringen.

Sowohl Chris mir ihrer Blaze
http://www.blazes-team.de/page2.php als auch Silvia mit ihrem Ranger http://www.frankoniapower.de/dogs/ranger.htm können jetzt beneidenswerterweise zu Recht behaupten, Veteranen-Champions zu haben.

Positive Vibrations eben


Freitag, 16. Oktober 2009

Tiefsinnige Ambivalenz

Wer liebt ihn nicht, den kleinen Drachen Grisu, der so gern Feuerwehrmann werden möchte. Ein sympathischer kleiner Kerl, dem die zwiespältige Tendenz seiner vorherbestimmten Existenz immer wieder einen Streich spielt.

Überall auf der Welt gilt die kleine Comicfigur als Maskottchen der Feuerwehren, was mir bis dato immer wieder Rätsel aufgab, aber dieser Tage kam ich dahinter. Dazu muß man aber differenziert beleuchten, wie es um die soziale Stellung des Feuerwehrmannes in der jeweiligen Gesellschaft steht. In den USA z.B hat der 'Firefighter' ein besonders hohes, heroisch gefärbtes Ansehen, was unter anderem darin gipfelt, daß sich Kalender mit Feuerwehrmännern im Adamskostüm, die wie Grisu nur einen Helm und einen Tropfen Schwefelparfüm tragen, wie geschnitten Brot verkaufen. In Deutschland gibt es einen solchen Kalender meines Wissens nicht, ob das nun an der sozialen Stellung besagter Berufsgruppe liegt oder einfach nur am mangelhaften körperlichen Allgemeinzustand der Protagonisten, kann ich nicht beurteilen.

Wer erinnert sich nicht daran, wie es seinerzeit in Westberlin war, wenn die Berufsfeuerwehr ausrückte um löschend einzugreifen. Die konnten nie LKW fahren und haben es scheinbar über die Jahre auch nicht gelernt. War die verbleibende Fahrspur auf dem Weg zum Brandort nicht mindestens vier Meter breit, sind die da nicht eingefahren, und wenn doch, haben die alle PKW-Spiegel abrasiert. Mußten die rückwärts wieder raus, bildeten sich Menschenmengen, um das Schauspiel zu bewundern, nur 100 m rückwärts liessen einem mobilen Imbiss genug Zeit, seelenruhig anzufahren und ohne zu hetzen erst vor Ort die Friteuse anzuwerfen, um die Schaulustigen (nicht die vom Brandgeschehen, sondern die vom Ausparkgeschehen) zu verköstigen (das ist natürlich eine satirische Übertreibung, die die Anschaulichkeit steigern soll, aber bitte....)

Mich fasziniert der Umstand, daß sowohl in den USA als auch im Bundesland Brandenburg die Knäste voll sind von Feuerwehrleuten, die selbst Brände gelegt haben, um dann heroisch als Erste helfend einzugreifen. In Brandenburg vergeht kaum eine Woche, in der nicht bekannt wird, daß ein Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr wieder einmal einen Schuppen in Brand gesteckt hat, um seiner sozialen Stellung pyromanisch Auftrieb zu verleihen. Und genau hier finden wir die unbewusste Ambivalenz, die Feuerwehren auf der ganzen Welt zu Grisu treibt.

Der kleine Drache ist aufgrund seiner Herkunft dazu verdammt, Feuer zu legen, eine Rolle, in die ihn sein Vater immer wieder zwängt. Grisu möchte aber eigentlich löschen und sich als bewunderter Held sehen, nur ist es eben so, daß er immer wieder alles was er bewahren soll (und vielleicht auch will) in Brand steckt und somit einen gegenteiligen Effekt erzielt. Sicher erkennt der Leser so langsam die im wahrsten Sinne des Wortes 'fabelhafte' Tiefsinnigkeit dieser Zeichentrickparabel, die einem Aesop Bewunderung abverlangt hätte. Eigentlich ist der kleine Held ein trauriger, den man an die Hand nehmen sollte, um ihm ehrlich zu sagen, daß das nichts werden kann - manchmal ist das eben so.....

Das beliebte Format 'Wikipedia', die Verherrlichung des unverifizierten Halbwissens, liefert uns zum Thema eine aussagekräftige Aufnahme eines Beispiels des manchmal schon zur Heiligenverehrung entgleisten Grisukults, mit der ich schliessen möchte


Dienstag, 13. Oktober 2009

Manfred Sexauers Vertreibung aus dem Paradies

Dieser Tage kann der schlaflose Nachtschwärmer so ab Mitternacht allerorten eine Werbesendung im TV betrachten, in welcher der stark gealterte Manfred Sexauer festgetackert auf einem Hocker in einem Barambiente eine zusammengestückelte CD mit populärer Musik aus den sechziger Jahren bewirbt. Zu Bildern, auf denen unbekleidete junge Leute durch Schlammpfützen gleiten, behauptet Manfred Sexauer, von dem jeder weiß, daß er eigentlich bekennender Sister Sledge Fan ("The Beautiful") ist, unter anderem, daß die Erinnerung das einzige Paradies sei, aus dem man nicht vertrieben werden könne.

Legt man sich zeitnah danach zum Schlafen nieder, geht einem natürlich diese blödsinnige Weisheit nicht mehr aus dem Kopf. Man assoziiert immer Worte zum Thema Paradies wie Illusion, Langeweile, Lüge, Naivität, Realitätsfremde, Gutmütigkeit usw.....und es fallen einem Begebenheiten ein, die Sexauers Bonmot als Humbug entlarven.

Ich erinnerte mich an ein Event so vor fast 15 Jahren oder so, als ich Gast einer Registrierung für nordische Hunde war, auch um selbst einen solchen vorzustellen. Dort sprang mir ein Paar ins Auge....und auch irgendwie ins Ohr.......eine kleinere, lebhafte Frau in Begleitung einer größeren, etwas jüngeren, aber umso schweigsameren Frau, die einen Alaskan an der Leine hatte. Die kleine Frau zeterte wie ein zwei Meter großer Müllkutscher in Richtung der Offiziellen, in einer Lautstärke, die einem startenden Düsenjet zur Ehre gereicht hätte.

Offenbar weigerten sich besagte Offizielle, den Alaskan der schweigsamen Frau als reinrassigen Siberian Husky zu registrieren, was den Lautstärkepegel auf dem Gelände nicht unbedingt senkte. Die kleine, sehr laute Frau drückte krakeelend ihren Unmut darüber aus, daß es der netten, sehr schweigsamen Frau nicht ermöglicht würde, mit ihrem Hundchen Sport zu treiben, denn mehr wolle diese nicht und der Hund solle auch nicht bestraft werden für das, was er ist.

Was daraus wurde, weiß ich nicht, ich vermute aber, daß den vehementen Argumenten nicht stattgegeben wurde, da der Geräuschpegel anhaltend auf dem Niveau eines Motörhead-Konzertes blieb, und irgend etwas war da auch noch mit Akitamischlingen. Komische Erinnerung, ich wüßte aber gern, was aus den beiden ungleichen Damen wurde, ob die eine doch noch mit ihrem Hundchen sporteln durfte und ob die andere sich immer noch fürs Schreien interessiert. Leider habe ich ein schlechtes Personengedächtnis, doch hätte ich die Gelegenheit, würde ich den beiden mitteilen, daß sie schon damals großen Anteil an meiner Desillusionierung hatten.

Manfred, if paradise is half as nice......


Das Soldier Of Fortune ist auch nicht mehr das, was es mal war

Das ist keine Wertung, sondern lediglich eine nüchterne Feststellung. Sicher mag das zusammenhängen mit dem Zahn der Zeit und der rasanten Entwicklung rund um klare, schwarz-weisse Feindbilder, die heute immer mehr zu schwammigen Übergängen tendieren. Auch habe ich den Eindruck, daß der Klassiker unter den Söldnermagazinen ein wenig an Popularität aber auch an Schrecken verloren hat und nicht nur wegen des Internets ein wenig aus dem Bewusstsein der Bevölkerung entschwunden scheint.

Was konnte man früher, so Anfang der 80er, für Schindluder allein mit dem Namen treiben. Wer erinnert sich nicht gern daran, wenn man an das schwarze Brett der philosophischen Fakultät der FU Berlin folgende Anzeige hing?

Soldier of Fortune
80 - 83, komplette Jahrgänge
guter Zustand
Anruf ab 22:00
lange klingeln lassen, öfter versuchen

....und darunter die Telefonnummer des verhassten Nachbarn, von dem man wusste, daß er früh raus musste

Das ist natürlich ein billiger Scherz, aber allemal als Experiment verwertbar, denn kurioserweise haben unglaublich viele kleine Philosophen im Schutze der Anonymität des damaligen Telefonnetzes angerufen, um den Anbieter aufs übelste des Militaristentums usw. zu bezichtigen, aber nie hat sich jemand getraut, den Zettel vom Brett zu nehmen....man weiß ja nie.....höchstens besagter Nachbar, der die Schliche durchschaut hatte. Aber auch so funktionierte die Sache nur, weil die politische Sensibilität eine andere war - so etwas gibt es heute nicht mehr, ob es an der galoppierenden Volksverblödung im Allgemeinen oder in der Zentralisierung der persönlichen Präferenzen im Besonderen liegt, weiß ich nicht.

Was konnte uns das SOF bieten, also jetzt nicht nur den Berufsoptimisten, die glaubten, mit 60 guten Leuten ganz Westberlin besetzen zu können, jedoch nicht vor dem Aufstehen? Die Knarren bekam man ohnehin nicht, und die alliierten Waffengesetze vereinfachten die Situation auch nicht gerade, boten aber doch auch indirekt den Markt durch Bereitstellung bewaffneter Protagonisten. Das Wahre ist aber anders, man kennt ja die Erzählungen von den Leuten, die von Sowjetoffizieren eine Makarov kaufen wollten und nach zähem Ringen Einigung erzielten, aber dann nur ein gefälschtes Autogramm des wohl besten Eishockeyspielers aller Zeiten für viel Geld bekamen. Man schob es letztendlich auf die Sprachbarriere, was konnte man schon einfordern?

Der amerikanische Kontrahent war da offener, aber wer wollte schon als kostenpflichtige Beigabe ein Dutzend 5-Gallonen-Kanister 'Mop & Glow' oder Übergrössen unverkäuflicher 501er in 38/28 kaufen, nur um sich die Chance auf eine angerostete Kurzwaffe nicht zu verderben? Aber 'Mop & Glow' war schon toll und bei den Großeltern zu Weihnachten beliebter als Doppelherz oder Klosterfrau.

Aber halt, auch mir brachte es etwas für mein Wertesystem und das in Form einer comicartigen Grafik. Diese zeigte einen schwerbewaffneten Söldner mit richtiger Hackfresse, in der Sprechblase stand: "I got five or six of them already, even if they get me next, I've won my part of the war." Grossartig und wegweisend zugleich, auch das kleinste Mosaiksteinchen ist wichtig im Konzert des Allumfassenden, und es lohnt sich, sich dafür einzusetzen, auch wenn es vordergründig unsinnig und wenig vielversprechend erscheint.


Freitag, 2. Oktober 2009

Wer hat bloss Gloria Gaynor so verärgert?

Gloria Gaynor macht auch nichts mehr umsonst, heißt es immer, wenn die Sprache auf besagte Diva kommt. Weshalb es sich so verhält lässt sich sicher nicht unbedingt so einfach erklären, vieles wird vermutlich reine Spekulation bleiben, aber eigentlich brauchte ich auch nur einen Einstieg in diese Miniatur.......

Viele Menschen wünschen sich hohes soziales Ansehen, welches sie nach Möglichkeit auch noch durch die Realisierung der eigenen Ziele erlangen möchten. Zwangsläufig sind diese Leute dann in der Wahl ihrer Mittel eher rücksichtslos und bisweilen indolent, aber als Persönlichkeit völlig uninteressant. Woran auch immer das liegen mag ist genauso spekulativ wie die Gloria-Gaynor-Geschichte, aber ich möchte nicht ausschliessen, daß es etwas mit der dieser Personen anhaftenden Spassferne zu tun hat. 'Heute wird nicht gelacht, morgen schon' steht auf Schildern, die diese Kandidaten über ihrem Bett mit den asketisch harten Matratzen an der Wand haben, und da sie an ihren starrsinnigen Zielen genau so hängen wie an diesem Schild, erübrigt es sich, diesen Punkt weiter auszuführen.

Was aber geschieht, wenn es zu einer sozialen Konfrontation mit anders gearteten Lebewesen kommt, die das Leben um seiner selbst lebenswert finden?

Beispiele hält die Filmgeschichte für uns bereit, wollen wir sie beleuchten?

Zunächst einmal schauen wir in ein Video eines Streifens, der gedreht wurde in einer tausendjährigen Phase, die auf ein Dutzend Jahre komprimiert wurde, in welchem der große Gustaf Gründgens (der eigentlich Gustav hiess....) einen Komödianten gibt, dessen spassorientiertes OEuvre letztendlich zu Verwicklungen führt.....





Man beachte die Anfänge, wie sie uns nähergebracht werden....eigenwillige Interpretationen, affektierte Attitüde und blasiertes Auftreten, in der Aussage zwar kritikasternd, jedoch immer kompetent formuliert und emotional positiv in Szene gesetzt......nur scheint dann irgend etwas geschehen zu sein, was die Einstellung des meisterlichen Komödianten radikalisiert hat.....optisch eher clownesk heißt es da:


Mit der Peitsche glaubt man ihn,

höhnisch zu erlegen,

doch er wird vom Leder ziehen....

....und wenn man seinen Degen nicht annimmt,

wird man seine Verse annehmen müssen....

....faszinierend auch die Darstellung, wie alles aus dem Ruder läuft am Ende der Szene, nicht nur die darstellerische Kraft fesselt, auch die grotesk überzogenen Kämpfe um den Vorhang....sehr symbolhaft.....



Auch symbolhaft ist der Einstieg Marlon Brandos als Fletcher Christian in der Meuterei auf der Bounty (1962), in der schon in den Anfangsminuten der gebildete, spassorientierte erste Offizier seinem Kapitän begegnet und die Probleme vordefiniert werden, die diesem durch diesen griesgrämigen, ungebildeten Klotz ohne Umgangsformen bereitet werden sollen. M. Brando gibt die Figur nicht zwingend sympathisch, denn wer will schon von allen geliebt und somit zu ständigen Kompromissen gezwungen werden?

Er ist vielmehr der Einzelne, dessen Werte sich am Leben orientieren aber nicht am schwachen Ego, der zwar ein Teil des Systems ist, welches aber zwischen den Stühlen angesiedelt ist. Durch die Konfrontation mit der Rücksichtslosigkeit des Kommandanten, der das eigentliche Ziel recht schnell dem Erlangen persönlichen Glanzes unterordnet und der letztendlich das eigene Versagen aufgrund von Selbstüberschätzung und mangelnder Fachkenntnis nicht akzeptiert, kommt es irgendwann aufgrund häufiger Regelverletzungen seitens des Potentaten, egal ob es sich um Regeln im Sinne von Ordnungen oder Gesetzen oder einfach nur um Regeln im allgemeinen, nichtsoziopathischen Umgang in gewachsenen Gesellschaften handelt, zum berechtigten Aufruhr.



Zwar ist dem ersten Offizier der Einfluss dieser Handlung auf sein Leben bewusst, nur war es eben in diesem Augenblick, einem Augenblick der Unbeherrschtheit, nicht möglich anders zu handeln. Er war an dem Punkt angelangt, an welchem seine Überlegenheit, sowohl sozial als auch bildungsbezogen, nicht mehr ausreichte, die eskalierte Egomanie des Kapitäns zu kontrollieren ohne seine eigenen Werte nachhaltig zu gefährden. So musste der Kapitän notgedrungen das Schiff verlassen, begleitet nur von einigen Getreuen in einer Mischung aus Nibelungentreue und Kadavergehorsam sowie anderen, die persönlich zu viel zu verlieren hatten.

Was aber bringt so ein Handeln dem Lebensbejahenden? Schauen wir auf Brando und Gründgens, oder vielmehr ihre Charaktere. Einerseits wird Brando letztendlich durch Brandstifterei derer, deren Leben er auf Kosten seines eigenen Daseins gerettet hat, eines Besseren belehrt und stirbt, und auch Gründgens, der euphorisiert auf dem Schafott tanzt und singt und ohne Rachegedanken postuliert:

Lasst den alten Narren ziehen,

der sich selbst gerichtet,

in die Zukunft wollen wir ziehen,

die auf ihn verzichtet,

doch wir wollen im Siegesrausch immer memorieren,

Augen auf, Augen auf, dann kann nichts passieren

....offenbar weiß auch er, daß die Revolution ihre Kinder frisst, aber andererseits zählt der Augenblick, und er hat sich kein Bißchen geändert noch sein Verhalten oder seine Attitüde angepasst, genau wie Brando in seiner Darstellung.

Das ist halt der Preis, aber immer noch besser als frustriert wie Gloria Gaynor zu enden.....