Mittwoch, 25. November 2009

Fancy im Ohr, Giordano im Herzen

Ich möchte dem Leser gestehen, daß ich partiell dem Aberglauben nachhänge. Nicht diesen Mainstreamformen, die nur Tot und Verderben aufgrund verschiedener Formen des Glaubens mit sich bringen. Dieser Tage las ich in stockendem Verkehr auf einem Stoßstangenaufkleber Provokatives: „Mein Gott trägt einen Hammer, Deiner wurde an ein Stück Holz genagelt – also, was willst Du mir erzählen?“ Naja, was dem einen Blasphemie, ist dem anderen schlagendes Argument....

Bei mir ist es aber nur die Überzeugung, daß das Wohl und Wehe eines Tagesablaufs mitunter damit zusammenhängt, welches Lied am frühen Morgen im Radio gedudelt wird. So weiß ich, daß man lieber wieder ins Bett schlüpfen sollte, wenn man beim Morgenkaffee mit Phil Collins, Tina Turner oder gar den Beach Boys gefoltert wird. So ein Tag kann nur in die Hose gehen. Heute allerdings versüsste mir der Fancy den Morgen, den wir alle wegen 'Flames of Love' zu Recht verehren, gefolgt von Wolfgang 'Wolle' Petry, dem gottgleichen Idol des kleinen Mannes.

Vielleicht könnte man auch Aufkleber herstellen, auf denen Dinge stehen wie“Gott trägt nicht Hammer, trägt nicht Kreuz er, nur Holzfällerhemd und Schnäuzer“ und diese auf Tankstellen im Ruhrgebiet verkaufen....ain't no fun waiting round to be a millionaire (kann man schon mal bringen kurz vor dem 30. Todestag, wie ich finde).....aber vielleicht ist der Sprung von Wolle Petry zu Bon Scott ein zu heftiger......




Zurück zum Thema. An so Tagen, die vielversprechend beginnen, ziehen einem bei Betrachtung der Entwicklungen auf allen Ebenen immer geschichtliche Maßnahmen durchs Hirn. In diesem Jahr begeht man ja den 2000. Jahrestag der Varusschlacht, die kurioserweise nach dem Verlierer benannt ist. In gewisser Weise ein wegweisendes Ereignis. 'Der hat denen die Schweinskaldaunen ganz schön lang gezogen' wird da der Geschichtsromantiker ausrufen, aber darum geht es nicht. Vielmehr finde ich es wichtig, daß der Protagonist, den einige Quellen Arminius nennen (nach dem im Berliner Arbeiterstadtteil Moabit eine Markthalle benannt ist) in der Lage war, untereinander verfeindete Gruppierungen temporär zu einen in Ermahnung des gemeinsamen Zweckes, des gemeinsamen Wertes.



Oftmals gelingt es despotischen Systemen nur deshalb an der Macht zu bleiben, weil die Opposition uneins ist. Gelingt es jedoch, diese zumindest zeitweise zu einen, ist es immer möglich, auch die überheblichsten Tyrannen in die Knie zu zwingen, vorausgesetzt, man ist taktisch gut aufgestellt. Unser Arminius wäre den Römern sicher nie in offener Feldschlacht gegenübergetreten, seine Taktik war natürlich abgestimmt auf die Gegebenheiten. Manch einer wird kritisieren, daß durchaus drastisch tabula rasa gemacht wurde, nur andererseits ist es vielleicht mitunter nötig, vor allem in Notsituationen, die gesellschaftliche Resettaste zu betätigen......

Helden, die überdauern, können aber auch unerschrockene Einzelkämpfer sein, deren vordergründig heroisches Scheitern durch das Überdauern der Werte im Endeffekt zum Sieg avancierte. Jeder kennt den grandiosen Querdenker Giordano Bruno, der zwei Eigenschaften hatte, die ihm in einer Gesellschaft von Gier und Machtdenken zum Verhängnis wurden – Wissen und Überzeugung. Der alerte Cosmopolit hatte ja wirklich ein bewegtes Leben, welches er immer unter der Prämisse 'Wissen statt Glauben' führte. Natürlich schlug er hier und da über die Stränge, aber nur der langweilige Mensch lebt von lauwarmem Tee und Grapefruitsaft, das ist heute auch nicht anders.

Zwangsläufig mußte dieser Freigeist, der dem Ansehen derer, die sich die Taschen vollstopften und das Volk belogen und dumm hielten, schadete, vor der Inquisition landen. Was soll man schon machen, wenn man wegen Magie und Ketzerei angeklagt wird? Sollte man widerrufen, wird man nichtsdestotrotz verknackt, also kann man auch durch einen großen Auftritt mehr bewegen und womöglich das System für alle erträglich gestalten. Giordano hat das so gehandhabt und wurde prompt zum Scheiterhaufen bestellt.......aber mal ehrlich, wer weiß denn heute noch, wer seinerzeit im BGB-Vorstand der Inquisition war? Wie recht er doch hatte, als er ihnen entgegenrief:

„Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“



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