Vor gar nicht allzu langer Zeit lebte in einem kleinen Königreich eine Königin, die ihr Volk mit harter Hand regierte. In ihrem Königreich war das Lachen verboten und einmal in der Woche mussten sich alle Untertanen im Hof der königlichen Burg einfinden, um kollektiv von der Königin angebrüllt zu werden. Das Volk war unzufrieden, aber kaum jemand wagte es, seine Unzufriedenheit zu artikulieren, denn die Königin kannte bei Kritik kein Pardon. Schon wer es wagte, ein wenig zu lächeln, wurde mit hundert Stockhieben bedacht, es ist in den Annalen des Reiches nicht genau überliefert, welche Strafen die zu erdulden hatten, die sich beschwerten, so schrecklich mussten diese gewesen sein.
Es war der Königin bewusst geworden, daß sie wahrscheinlich nicht ewig leben würde, auch wenn sie nur unwillig akzeptierte, daß alles mal ein Ende haben sollte. So dachte sie schon seit längerer Zeit darüber nach, wer denn einst ihr Königreich übernehmen sollte, daß zwar kein großes war, aber immerhin zwei Mal größer als Lummerland. Wem sollte sie denn bloss ihr Vermächtnis anvertrauen, all die im Laufe ihres Lebens angesammelten Ländereien, welche sie in all ihrer List und Unrechtmäßigkeit an sich gebracht hatte und worüber das Volk nur hinter vorgehaltener Hand redete?
Immerhin hatte sie vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, aber die Erbfolge bestimmte ohnehin, die Krone nur an weibliche Nachkommen weiterzureichen. Das war ihr schon ganz recht, war doch der ältere Sohn ein Luftikus, der in den Schwemmen und Tavernen des Reichs nächtelang das Vermögen der Monarchin verschlemmte und unzählige Metzgergesellen und Pferdeknechte freihielt, die zwar den Königssohn nicht mochten, aber in seiner Gegenwart immerhin ungestraft lachen und tief ins Glas schauen konnten. Der jüngere Sohn war zu überhaupt nichts zu gebrauchen, fand die alternde Königin, sie fragte sich schon oft, wie sie diesen Jungen verdient hatte, dessen täglicher Kampf gegen den Schlaf seine ganze Aufmerksamkeit forderte. Er behauptete gern, an einer merkwürdigen Schlafkrankheit aus dem Morgenland zu leiden, die ihn immer ganz unvorbereitet in einen tiefen Schlaf versetzte, vor allem, wenn die Königin nach ihm verlangte, und das obwohl er das Königreich nie verlassen hatte und Gesandte aus den maghrebinischen, levantinischen und osmanischen Reichen das Königreich mieden, weil sie Angst vor der Königin hatten.
So blieben ihr nur ihre zwei Töchter. Die ältere war sicher die klügere der beiden, auch war sie ihrer Mutter immer treu ergeben. Obwohl sie manchmal, wenn mal wieder ein Untertan hundert hinten drauf bekam, weil er zu lachen wagte, körperlich mitzufühlen vorgab, wandte sie sich nie von der Mutter ab und stand ihr loyal zur Seite. Ihr war es aufgetragen, den Staatsschatz zu hüten. So zählte sie Tag aus Tag ein die Auetaler, so hiessen die Münzen, mit denen man im Königreich handelte. Nur ab und zu, wenn ihr mißratener Bruder mal wieder so viel verzecht hatte, daß der Staatsschatz ein bedenkliches Maß unterschritt, sagte sie ihrer Mutter, diese müsse wieder ein neues Gesetz erlassen, um das Volk noch mehr auszupressen. Die ältere Tochter wollte gern die Favoritin der Königin sein, das hätte ihr gereicht, vielleicht hätte sie dafür sogar auf die Krone verzichtet, aber es hat nicht sollen sein.
Die Gunst der Königin gehörte der jüngsten Tochter. Dieser brachte die Königin all die Zuneigung entgegen, die die ältere Tochter gern gehabt hätte, denn das Leben ist nicht immer gerecht. Es gefiel der Königin, daß ihre Favoritin die Rücksichtslosigkeit an den Tag legte, die sie selbst einst so groß gemacht hatte. Mußte die Königin ein neues Gesetz erlassen, war es die Aufgabe der jüngeren Tochter, dieses zu schreiben. Oftmals verstanden die Untertanen die Gesetze nicht, weil sie unverständlich formuliert waren und gerieten deshalb mit ihnen in Konflikt. Es gab aber auch einfache Gesetze, wie das, daß die jüngere Tochter der Königin bei Spielen immer gewinnen muß. Einmal bat der ältere Bruder seine Schwester, ein Gesetz zu machen, das ihn unentgeltlich zechen lassen sollte. Weil aber die Soldaten und Richter der Königin das Gesetz nicht verstanden, wurde der Königssohn verhaftet und bekam 50 Stockhiebe. Da war der Bruder böse auf die Schwester, wagte es aber nicht, sich bei der Königin über diese zu beschweren und tröstete sich stattdessen mit verschiedenen Braten.
Die jüngere Tochter wollte auch gern das Königreich im Ausland vertreten, aber die Vertreter der anderen Königreiche, all die Könige und Fürsten, wollten die jüngere Tochter in ihren Ländern nicht haben, da diese kein Benehmen hatte, das ihrem königlichem Geblüt entsprochen hätte. Ständig beleidigte sie die ausländischen Fürsten bei ihren Besuchen und sorgte für Verstimmungen in den Beziehungen, was soweit ging, daß Könige anderer Reiche an den Grenzen Armeen aufstellten, um der Königin zu verstehen zu geben, sie solle nie wieder ihre Tochter zu ihnen senden.
Da mußte die Tochter im Lande bleiben und vergnügte sich damit, selbst Stockhiebe an Untertanen zu verteilen, Brücken zu konstruieren, die immer einstürzten und Gedichte zu schreiben, die sie dem Volke vortrug an den Tagen, an dem es von der Königin angebrüllt wurde. Das Volk mußte applaudieren, was aber der Tochter nicht laut genug war. So formulierte sie ein Gesetz, daß das Volk nicht nur zu applaudieren hatte, sondern auch noch aus voller Kehle 'Encore, Encore' skandieren sollte. Zur Durchsetzung der Gesetze wurde dem lyrikfeindlichen Volk mit ein paar Stockhieben auf die Sprünge geholfen, aber der Unmut im Volke wuchs.
Der Königin schwante nichts Gutes, aber niemals würde sie ihre Favoritin preisgeben, im Gegenteil. Sie belohnte ihre Jüngste mit immer mehr Aufgaben, und je mehr Aufgaben diese anging, desto mehr wuchs der Unmut wie in einem Teufelskreis.
Einmal im Jahr offerierte die Königin ihrem Volke eine Audienz, auf welcher den Untertanen die Möglichkeit gegeben wurde, Bitten an sie zu richten. Natürlich richtete niemand eine Bitte an die Herrscherin, denn das Stellen einer Bitte war der offene Ausdruck einer gewissen Unzufriedenheit, und Unzufriedenheit wurde nicht toleriert. Frühe Quellen sprechen wohl von Einem, der dereinst den Mut hatte, eine Bitte an die Monarchin zu richten, nur darf der Name dieses Mutigen nicht laut ausgesprochen werden, und niemand weiß, wo sich seine sterblichen Überreste befinden.
So begab es sich, daß auch in diesem Jahre die Audienz gewährt wurde, wie immer eröffnet durch einige wenige gebrüllte Begrüßungsworte und gefolgt von der Aufforderung, wer denn immer auch etwas vorzutragen hätte, solle nun die Gelegenheit haben. Niemand erwartete natürlich einen Vortrag während der Audienz, die ältere Tochter zählte stumm die Auetaler, der ältere Sohn langte kräftig am Büffet zu, während sein jüngerer Bruder bereits wieder eingenickt war und die jüngere Tochter die Bediensteten beim Kartenspiel um die ohnehin karge Entlohnung prellte.
Doch geschah es, daß ein Bürger es wagte, halblaut die Königin anzugehen.
„Majestät, bei allem Respekte,
ich wollt Euch bitten flehentlich,
uns zu befreien von der Fron der Verse,
zu lauschen gezwungen wir täglich sind,
gebt uns mehr Hiebe, wenn es Euch gefällt,
aber bitte, nicht mehr diese Worte,
die eine schlimmere Folter sind
als alle Streckbänke dieser Welt.“
Der Königin fehlten die Worte ob dieser Dreistigkeit, sie lief hochrot an und es zeigten sich schon die ersten weißen Flecke, als die jüngste Tochter vors Volk sprang und im Namen der Königin verkündete, daß es ab sofort verboten sei, überhaupt das Haus zu verlassen. Wenn das Volk keine Verse wolle, dann könne es auch zu Hause bleiben, und wenn das Volk zu nichts mehr nutze sei, sei es ihm auch verboten, Kinder in die Welt zu setzen, und das würde ab sofort gelten. Die Königin bestätigte sogleich, daß dem ab jetzt so sei, und so ward es Gesetz geworden.
Die ältere Tochter dachte bei sich, sie müssten jetzt alle verhungern, weil ja niemand mehr auf den Feldern arbeitete, und niemand würde sie mehr bedienen, denn alle Lakaien mussten in den Häusern bleiben, und das Volk würde aussterben, wenn es keine Kinder mehr gäbe, und ohne Volk gäbe es auch kein Königreich, aber niemals würde sie der Königin entgegentreten und es ihr erklären. Der älteste Sohn hatte alles nicht so recht verstanden, und entschied sich, erst morgen darüber nachzudenken, da noch einiges Wildbret auf seinen Verzehr wartete, während sein Bruder alles verschlafen hatte. Die Königin unterdessen war es zufrieden, daß ihre Tochter alles so lösen könne, wie es sich gehöre.
Und so geschah es, daß alle Untertanen schmählich verhungerten und die Königsfamilie folgte ihnen nach, und es begab sich, daß ein ganzes Königreich vom Erdboden verschwand. So hatten letztendlich alle verloren, egal welchem Stande sie angehörten, nur weil eine Königin nicht einsichtig war, aber auch weil das Volk mit einer Ausnahme alles klaglos ertrug. Der Schreiber der Chroniken des Reiches soll noch bis zum letzten Atemzug seiner Aufgabe nachgekommen sein und berichtete von einer Königin im Wahn, die mit ihrer jüngsten Tochter noch wochenlang durch die Gänge des Schlosses irrte, über die anderen Kinder ist nichts bekannt.
Das Königreich wurde nie wieder besiedelt, nur die alte Schlossruine steht heute noch. Es geht die Mär, bei Nacht könne man immer noch die Königin und ihre Prinzessin in den Gängen hören.
Freitag, 27. November 2009
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