Freitag, 2. Oktober 2009

Wer hat bloss Gloria Gaynor so verärgert?

Gloria Gaynor macht auch nichts mehr umsonst, heißt es immer, wenn die Sprache auf besagte Diva kommt. Weshalb es sich so verhält lässt sich sicher nicht unbedingt so einfach erklären, vieles wird vermutlich reine Spekulation bleiben, aber eigentlich brauchte ich auch nur einen Einstieg in diese Miniatur.......

Viele Menschen wünschen sich hohes soziales Ansehen, welches sie nach Möglichkeit auch noch durch die Realisierung der eigenen Ziele erlangen möchten. Zwangsläufig sind diese Leute dann in der Wahl ihrer Mittel eher rücksichtslos und bisweilen indolent, aber als Persönlichkeit völlig uninteressant. Woran auch immer das liegen mag ist genauso spekulativ wie die Gloria-Gaynor-Geschichte, aber ich möchte nicht ausschliessen, daß es etwas mit der dieser Personen anhaftenden Spassferne zu tun hat. 'Heute wird nicht gelacht, morgen schon' steht auf Schildern, die diese Kandidaten über ihrem Bett mit den asketisch harten Matratzen an der Wand haben, und da sie an ihren starrsinnigen Zielen genau so hängen wie an diesem Schild, erübrigt es sich, diesen Punkt weiter auszuführen.

Was aber geschieht, wenn es zu einer sozialen Konfrontation mit anders gearteten Lebewesen kommt, die das Leben um seiner selbst lebenswert finden?

Beispiele hält die Filmgeschichte für uns bereit, wollen wir sie beleuchten?

Zunächst einmal schauen wir in ein Video eines Streifens, der gedreht wurde in einer tausendjährigen Phase, die auf ein Dutzend Jahre komprimiert wurde, in welchem der große Gustaf Gründgens (der eigentlich Gustav hiess....) einen Komödianten gibt, dessen spassorientiertes OEuvre letztendlich zu Verwicklungen führt.....





Man beachte die Anfänge, wie sie uns nähergebracht werden....eigenwillige Interpretationen, affektierte Attitüde und blasiertes Auftreten, in der Aussage zwar kritikasternd, jedoch immer kompetent formuliert und emotional positiv in Szene gesetzt......nur scheint dann irgend etwas geschehen zu sein, was die Einstellung des meisterlichen Komödianten radikalisiert hat.....optisch eher clownesk heißt es da:


Mit der Peitsche glaubt man ihn,

höhnisch zu erlegen,

doch er wird vom Leder ziehen....

....und wenn man seinen Degen nicht annimmt,

wird man seine Verse annehmen müssen....

....faszinierend auch die Darstellung, wie alles aus dem Ruder läuft am Ende der Szene, nicht nur die darstellerische Kraft fesselt, auch die grotesk überzogenen Kämpfe um den Vorhang....sehr symbolhaft.....



Auch symbolhaft ist der Einstieg Marlon Brandos als Fletcher Christian in der Meuterei auf der Bounty (1962), in der schon in den Anfangsminuten der gebildete, spassorientierte erste Offizier seinem Kapitän begegnet und die Probleme vordefiniert werden, die diesem durch diesen griesgrämigen, ungebildeten Klotz ohne Umgangsformen bereitet werden sollen. M. Brando gibt die Figur nicht zwingend sympathisch, denn wer will schon von allen geliebt und somit zu ständigen Kompromissen gezwungen werden?

Er ist vielmehr der Einzelne, dessen Werte sich am Leben orientieren aber nicht am schwachen Ego, der zwar ein Teil des Systems ist, welches aber zwischen den Stühlen angesiedelt ist. Durch die Konfrontation mit der Rücksichtslosigkeit des Kommandanten, der das eigentliche Ziel recht schnell dem Erlangen persönlichen Glanzes unterordnet und der letztendlich das eigene Versagen aufgrund von Selbstüberschätzung und mangelnder Fachkenntnis nicht akzeptiert, kommt es irgendwann aufgrund häufiger Regelverletzungen seitens des Potentaten, egal ob es sich um Regeln im Sinne von Ordnungen oder Gesetzen oder einfach nur um Regeln im allgemeinen, nichtsoziopathischen Umgang in gewachsenen Gesellschaften handelt, zum berechtigten Aufruhr.



Zwar ist dem ersten Offizier der Einfluss dieser Handlung auf sein Leben bewusst, nur war es eben in diesem Augenblick, einem Augenblick der Unbeherrschtheit, nicht möglich anders zu handeln. Er war an dem Punkt angelangt, an welchem seine Überlegenheit, sowohl sozial als auch bildungsbezogen, nicht mehr ausreichte, die eskalierte Egomanie des Kapitäns zu kontrollieren ohne seine eigenen Werte nachhaltig zu gefährden. So musste der Kapitän notgedrungen das Schiff verlassen, begleitet nur von einigen Getreuen in einer Mischung aus Nibelungentreue und Kadavergehorsam sowie anderen, die persönlich zu viel zu verlieren hatten.

Was aber bringt so ein Handeln dem Lebensbejahenden? Schauen wir auf Brando und Gründgens, oder vielmehr ihre Charaktere. Einerseits wird Brando letztendlich durch Brandstifterei derer, deren Leben er auf Kosten seines eigenen Daseins gerettet hat, eines Besseren belehrt und stirbt, und auch Gründgens, der euphorisiert auf dem Schafott tanzt und singt und ohne Rachegedanken postuliert:

Lasst den alten Narren ziehen,

der sich selbst gerichtet,

in die Zukunft wollen wir ziehen,

die auf ihn verzichtet,

doch wir wollen im Siegesrausch immer memorieren,

Augen auf, Augen auf, dann kann nichts passieren

....offenbar weiß auch er, daß die Revolution ihre Kinder frisst, aber andererseits zählt der Augenblick, und er hat sich kein Bißchen geändert noch sein Verhalten oder seine Attitüde angepasst, genau wie Brando in seiner Darstellung.

Das ist halt der Preis, aber immer noch besser als frustriert wie Gloria Gaynor zu enden.....

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