Gestern war Tag des Linkshänders, nun weiß ich nicht, ob das ein internationales Ding war oder nur ein lokaler Ehrentag. Medien schwadronierten über berühmte Linkshänder in Kunst und Kultur und darüber, daß unter den amerikanischen Präsidenten dieses Jahrhunderts unverhältnismäßig viele Linkshänder waren.
Die Umwelt konfrontiert einen ja ständig mit irgendwelchen Tagen selbsternannter Minderheiten, wobei ich mich immer frage, ob die Minderheiten diese selbst ausgerufen haben oder ob es gar eine gönnerhafte Geste einer Mehrheit war, diesen der jeweiligen Minderheit zuzugestehen. Wenn es einen Tag der Linkshänder gibt, heißt das nicht automatisch, daß jeder andere Tag ein Tag des Rechtshänders ist, es gibt auch keinen speziellen Tag des Rechtshänders, denn der Rechtshänder ist statistisch betrachtet in so ziemlich jeder Gesellschaft in der Mehrheit und hat somit kein Anrecht auf 'seinen' Tag.
Es gibt auch Tage wie den Tag der Umwelt, Tag des Motorrollers oder den Tag der Leibesübungen, das sind aber alles überflüssige Würdigungen von Dingen, die die Leute ohnehin nicht interessieren. Gestern war auch der Tag des Baus der Berliner Mauer, vielmehr dessen 48. turnusmäßige Wiederkehr. Dazu fanden allerlei Genkveranstaltungen statt, kurioserweise war aber keine dabei, die diesen Tag in positiver Erinnerung zelebrierte, es gab ausschliesslich Events mit Politikern und Pfarrern, die das weltberühmte Bauwerk verteufelten und als Schandmauer betitelten.
Interessanter sind da doch die Minderheitentage, allerdings nur diese selbstinszenierten wie die Linkshänderkiste, nicht diese tragikschattenwerfenden Gedenktage wie der Tag der Kriegsversehrten. Ich denke, viele Leute wollen unbedingt mal einer Minderheit angehören, es ist dieser tief innewohnende Wunsch, zumindest mal temporär anders zu sein, was darin gipfelt, daß man sich bisweilen auch mal als 'sympathisch verrückt' präsentiert und wie Doofmann & Doofmann 'Himbeereis zum Frühstück' verzehrt. Es streichelt doch das Ego, wenn man im Großraumbüro skandieren kann 'Wir Linkshänder sind ganz schlimme Finger.'
Ob es einen Tag des Mittelaltermarktes gibt, weiß ich nicht, es fällt mir nur auf, daß gerade die Leute, die zuhauf auf Veranstaltungen solcher Art rennen, sich gern mal als anders oder gar interessiert an Geschichte und so bezeichnen. Man ist doch aber nicht anders, wenn man etwas macht, was alle anderen auch machen. Diese Leute sollten verstehen, daß der, der anders im gesellschaftlichen Sinne ist, es entweder nicht registriert, daß er anders ist und, wenn er es doch bemerkt, gar nicht anders sein möchte als die, die so gern 'anders', 'verrückt' oder 'chaotisch' wären.
Gestern waren auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Watchtower Society da, die in gewisser Weise auch anders sind, aber eigentlich nur das Produkt ihrer forcierten Labilität repräsentieren. Diese Leute haben auch ihren Tag, der allerdings nicht aus jährlicher Wiederkehr seinen Reiz bezieht, sondern aus dem Fakt, daß besagter Tag der ist, der mit Sicherheit nicht der Tag aller anderen ist. Wem das jetzt zu kompliziert war, sollte sich damit zufrieden geben, Linkshänder zu sein und das 'Anderssein' nicht auf die Spitze treiben.
Freitag, 14. August 2009
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